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Ausladendes Märchen auf Kufen
December 21, 2007

Allgemeine Zeitung, Germany
Isabelle von Neumann-Kosel


FRANKFURT Weihnachtszeit - Zeit der Gemeinsamkeit und Hochkonjunktur für kulturelle Unternehmungen. Doch wer die Wahl hat, hat bekanntlich die Qual: U- oder E-Kultur? Mehr Musik oder mehr Show? Eher traditionell oder eher modern? Alles auf einen Streich bietet das Gastspiel der russischen "Imperial Ice Stars" in der Alten Oper: "Schwanensee" nicht auf Spitzenschuhen, sondern auf scharfen Kufen, mit jeder Menge medaillenverwöhnter Eiskunstläufer(innen).

Regisseur Tony Mercer, der mit "Dornröschen" schon ein weiteres beliebtes Ballett-Märchen für die Eisbahn adaptierte, strafft und vereinfacht die mythische Geschichte hin zu einer Handlung, deren Dramaturgie sozusagen jedes Kind verstehen kann - und lässt die weiße Schwanenkönigin Odette und ihre schwarze Gegenspielerin Odile von zwei unterschiedlichen Tänzerinnen interpretieren. Eine Intrige von Zauberer Rothbart sorgt dafür, dass Odile sogar triumphierend den Ring präsentieren kann, den der Prinz eigentlich Odette als Unterpfand seiner Treue gegeben hat. Am Ende geht alles dann doch so aus, wie ein richtiges Märchen ausgehen muss, und die Liebe siegt an allen Fronten: Prinz Siegfried tötet den bösen Zauberer, Odette wird erlöst, und wenn sie nicht gestorben sind ...

Zuvor allerdings müssen sie jede Menge eiskunstlaufen und eistanzen. Und wie! Mit der choreografischen Bearbeitung seiner "Schwanensee"-Fassung hat Tony Mercer ganze Arbeit geleistet. Die hohe Geschwindigkeit, die auf Kufen möglich ist, hat im Übrigen schon etliche Choreografen aus der Szene des klassischen Bühnentanzes so fasziniert, dass sie sich einen kleinen Flirt mit dem gleitenden Medium geleistet haben. (Und der Direktor des Mainzer Balletts, Martin Schläpfer, wechselte vom Eiskunstlauf zum Tanz).

Gleich die erste Szene, das Geburtstagsfest von Prinz Siegfried, zeigt auf, was das Eis dem Bühnenboden voraus hat: Tempo, Leichtigkeit und jede Menge Aktion. Die Solistenriege der Imperial Ice Stars ist beeindruckend und zeigt so nebenbei, was im internationalen Eiskunstlauf an Sprüngen und gewagten Hebungen so üblich - und manchmal auch noch nie vorher so gesehen wurde.

Im Wettkampfsport stehen den Eiskunstläufern und Eistänzern ungefähr 60 Meter lange Bahnen zur Verfügung - in der Alten Oper konzentriert sich das Geschehen mit jeder Menge Darsteller auf 15 Meter Bühnenbreite. Da sind Pannen eigentlich programmiert, aber am Premierenabend verlief alles verblüffend glatt.

Die Symbiose von Kunst (einschließlich einer Bearbeitung der berühmten Tschaikowsky-Musik in einer eigenen Einspielung vom Band) und Sport verfehlte ihre Wirkung aufs Premierenpublikum jedenfalls nicht.